Am 16. Juni 2026 startete im Göttinger „StartRaum“ die Veranstaltungsreihe „Wohnen – Wo ist das Problem?“. Akademiedirektor Thomas Harling begrüßte die Anwesenden im Namen der Katholischen Akademie des Bistums Hildesheim und betonte das klare Ziel der Institution, aktiv in die Gesellschaft hineinzuwirken, um einen Beitrag zu Freiheit, Demokratie und sozialer Gerechtigkeit zu leisten. Dr. Andreas Reitinger, Referent für Theologie, führte anschließend in das Thema ein und verdeutlichte, dass Wohnen kein bloßes Konsumgut, sondern ein existenzielles Grundbedürfnis sowie die fundamentale Voraussetzung für soziale Teilhabe sei. Zum Auftakt stellten zudem die beteiligten Projektpartner*innen, zu denen die Katholische Hochschulgemeinde, die Gesundheitsregion Göttingen/Südniedersachsen, das katholische Dekanat Göttingen, der Caritasverband Südniedersachsen e.V. und das Freie Theater boat people projekt gehören, ihre Institutionen sowie die dazugehörigen Angebote im Rahmen der Veranstaltungsreihe vor.
Die Podiumsdiskussion wurde von Antje Bruno moderiert und brachte eine vielseitige Expert*innenrunde zusammen, bestehend aus der Expertin für Geschichte und Kulturen der Räume in der Neuzeit, Prof.in Dr. Susanne Rau, der Raum- und Stadtentwicklungsexpertin Prof.in i. V. Katharina Rauh, dem Vorstandsmitglied des Göttinger Mietervereins Rolf Becker sowie Maik Lindemann, Leiter des Fachbereichs Planung, Bauordnung und Vermessung, inkl. der städtischen Wohnraumagentur, Göttingen. Direkt zu Beginn der Debatte berichtete Max Kerwin, Außenreferent des AStA der Universität Göttingen, über die Probleme der Studierenden in Göttingen. Dabei kritisierte er vor allem den Mangel an verfügbarem Wohnraum in Göttingen mit Wartezeiten von sechs bis achtzehn Monaten beim Studierendenwerk. Er kritisierte auch die fehlende Finanzierbarkeit des Wohnraums und die fehlende Unterstützung für ausländische Studierende, die sich mit deutschem Mietrecht nicht auskennen, was oft schamlos ausgenutzt würde.
Ein zentraler Diskussionspunkt war die Kommerzialisierung von Wohnraum und der daraus resultierende Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Dabei wurde unter anderem die moralische Frage gestellt, ob mit Wohnraum überhaupt maximale Gewinne erzielt werden dürfen, während steigende Angebotsmieten, lange Wartelisten bei städtischen Wohnungsbaugesellschaften und die Belastung durch Energiekosten die Mieter*innen zunehmend unter Druck setzen. Im weiteren Verlauf herrschte Einigkeit darüber, dass mit der Transformation der Wohnraumbestände relativ kostengünstig Wohnraum geschaffen und erhalten werden kann. Großes Potenzial würden hierbei vor allem die Aktivierung bestehender Ressourcen und gezielte Umzugsprojekte bieten, die zum Beispiel den Wechsel für Zweipersonenhaushalte aus zu großen Einfamilienhäusern in passenderen kleineren Wohnraum erleichtern und finanzierbar machen. Als Grundvoraussetzung für diese Steuerung wurde auf dem Podium jedoch die Fragen nach dem Grundbesitz sowie ein starkes kommunales Vorkaufsrecht ausgemacht. Wer den Boden besitze, gebe den Ton an, hieß es in der Diskussion. Da das Bistum Hildesheim plant, rund die Hälfte seines Immobilienbestandes abzutreten, wurde ferner intensiv über eine gemeinwohlorientierte Nachnutzung kirchlicher Liegenschaften beraten. Der historische Auftrag von Kirchen als universale Versammlungsorte und Räume der Fürsorge bietet nach Ansicht der Runde die große Chance, freiwerdende Gebäude genossenschaftlich getragen als Quartierszentren zu erhalten, beispielsweise durch die Vergabe im Erbbaurecht. Die Kirche könne sich aber auch unabhängig von den Liegenschaften in die Debatte einbringen und als Vermittler auftreten.
Zum Schluss herrschte Einigkeit darüber, dass es für diese Wohnraumkrise nicht die eine Universallösung gebe. Jedoch sprachen sich alle Teilnehmenden dafür aus, dass der Wohnraum dem spekulativen Markt entzogen und die Gemeinnützigkeit gestärkt werden müsse. Der Konsens der Runde lag darin, dass die Zukunft nachhaltiger Quartiere ein enges Zusammenspiel aus verlässlichen Kommunen, mutigen gemeinnützigen Wohnprojekten und der aktiven Einbindung der Bewohner*innen erfordere und die Kirche vielseitige Möglichkeiten habe, in diesem Rahmen aktiv zu werden.
Nach der Diskussion wurde aus dem Publikum ein Modellprojekt der Straßensozialarbeit der Diakonie Göttingen zur Vermittlung von Wohnungslosen vorgestellt. Dabei werden die Wohnungslosen und Vermieter*innen im gesamten Vermietungsprozess begleitet und unterstützt. So konnten seit März 2025 schon 23 Personen vermittelt werden.
Zum Abschluss dankte Thomas Harling allen Beteiligten und lud dazu ein, die Veranstaltung bei einem Snack und regem Austausch ausklingen zu lassen.
Die Impulse des Abends werden im nächsten halben Jahr durch verschiedene Angebote und Veranstaltungen der Kooperationspartner*innen vertieft. Wir laden Sie herzlich zu den weiteren Terminen ein:
Unbeschwert in den eigenen vier Wänden – technische Unterstützung für barrierearmes Wohnen Informationsveranstaltung & Ausstellung
• Veranstalterin: Gesundheitsregion Göttingen/Südniedersachsen und Niedersachsenbüro Neues Wohnen im Alter
• Datum & Uhrzeit: Mittwoch, 26. August 2026 | 16:00–18:00 Uhr
• Ort: Südekum Gesundheitspark, Groner Landstr. 23, 37081 Göttingen
Wo wohnt Gott? Gott und Mensch unter einem Dach Rundgang und Gespräch
• Veranstalter: Dekanat Göttingen und Caritasverband Südniedersachsen e. V.
• Datum & Uhrzeit: Mittwoch, 23. September 2026 | 17:00–19:00 Uhr
• Ort: Pfarrzentrum St. Godehard und Caritas-Centrum Göttingen, Godehardstr. 22, 37081 Göttingen
Zwischen Wegen und Wänden Interaktive Ausstellung
• Veranstalter*innen: Freies Theater boat people projekt und Wohnraumagentur der Stadt Göttingen
• Datum & Uhrzeit (Eröffnung): Samstag, 17. Oktober 2026 | 15:00 Uhr
• Ort: Geismar
Wohnst Du schon? Wohnungsnot bei Studierenden Gesprächsabend
• Veranstalterin: khg: Göttingen (Katholische Hochschulgemeinde)
• Datum & Uhrzeit: Donnerstag, 5. November 2026 | 20:15 Uhr
• Ort: khg: Göttingen, Kurze Str. 13, 37073 Göttingen
Schöner wohnen Abschlussveranstaltung
• Veranstalter: Freies Theater boat people projekt
• Datum & Uhrzeit: Freitag, 20. November 2026 | 19:00 Uhr
• Ort: WERKRAUM Göttingen, Stresemannstr. 24c, 37079 Göttingen
Text: Simon Herbke