Anlässlich des Fachtags "Engagiert Zukunft gestalten" spricht Dr. Florian Oppermann über die Klimakrise und Handlungsmöglichkeiten.
Herr Dr. Oppermann, Sie sprechen über die Klimakrise mit den Leitfragen „Wo stehen wir, was kommt auf uns zu, was können wir tun?“ – was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Erkenntnis aus diesem Dreischritt?
Global steigen die Treibhausgasemissionen nach wie vor an. Das heißt, dass die Erderhitzung nicht nur weiter voranschreitet, sondern von uns immer noch beschleunigt wird. Die Paris-Ziele dienten dem Zweck, die schlimmsten Folgen einzudämmen und davon müssen wir uns langsam verabschieden. Die Lösungen kennen wir und sie wären auch machbar.
Kurz gesagt: Jedes Zehntelgrad zählt. Das kann auch Mut machen.
Welche Entwicklung in der Klimakrise sollten Menschen Ihrer Erfahrung nach derzeit am stärksten auf dem Schirm haben, weil sie oft unterschätzt wird?
Die Bedeutung der Irreversibilität von Kipppunkten ist den meisten Menschen nicht bewusst. Die globale mittlere Temperatur wird in den meisten Klimaschutzszenarien im Laufe des Jahrhunderts ein Maximum erreichen und dann – dank negativer Emissionen – langsam wieder sinken. Bei Kipppunkten ist das dagegen so nicht möglich: Ein gekochtes Ei wird nicht wieder flüssig, egal, wie sehr man es kühlt.
Diese Kipppunkte betreffen einerseits Systeme, die die Klimakrise weiter antreiben, wenn sie kippen – wie Permafrostböden, die beim Tauen Methan freisetzen, oder Gletscher, durch deren Schmelzen die Oberfläche dunkler und damit wärmer wird. Andererseits können Ökosysteme kippen und die Klimakrise ist damit einer der großen Treiber des Artensterbens. Dass wir aktuell jeden Tag geschätzt 130 Tier- und Pflanzenarten dauerhaft ausrotten bleibt weitgehend ohne Reaktion.
Auf der positiven Seite: Exponentielles Wachstum wird fast immer unterschätzt. In der Klimakrise betrifft das die erneuerbaren Energien, insbesondere Photovoltaik. Was die Stromerzeugung betrifft, mache ich mir wenig Sorgen.
Ihr Vortrag zeigt nicht nur die Risiken, sondern auch Handlungsoptionen: Was sind aus Ihrer Sicht die wirksamsten Hebel für individuelles und gesellschaftliches Handeln?
Die Klimakrise lässt sich nur global lösen, deshalb ist der größte individuelle Hebel der, der politische Auswirkungen hat. Mit Menschen im Umfeld – und auch außerhalb der eigenen Blase! – sprechen, Politiker*innen kontaktieren, wählen und auch selbst politisch aktiv werden. Welche Mittel wirksam und angemessen sind, ist im Einzelfall verschieden: Das geht vom Gespräch auf der Beziehungsebene über Präsentation wissenschaftlicher Fakten bis hin zu zivilem Ungehorsam.
Ich lehne es ab, sich auf die individuelle Klima-Verantwortung zu fokussieren, weil sie einerseits von den systemischen Problemen ablenkt und andererseits das Problem nicht löst, weil nie alle Menschen „mitmachen“ werden. Wenn ich trotzdem nach einer individuellen Klimaschutzmaßnahme gefragt werden, antworte ich: Keine Flugreisen. Das hat zwei Gründe: Die Klimawirkung beim Fliegen lässt sich auch mit synthetischen Kraftstoffen nicht verhindern, d.h. auch langfristig werden wir uns Flugreisen nur in dem Maße erlauben können, wie wir anderswo negative Emissionen haben (elektrische Kurzstreckenflüge wären eine Ausnahme, sind aber Zukunftsmusik). Außerdem ist ein Großteil der Weltbevölkerung noch nie geflogen und wird es vermutlich auch nie tun. Wer fliegt, nimmt sich also ein Recht heraus, das man aus ökologischen Gründen den allermeisten Menschen überhaupt nicht zugestehen wollen kann.
Die Veranstaltung stellt die Frage, wie man den Herausforderungen des Klimawandels „gemeinsam solidarisch“ begegnen kann: Welche Rolle spielt für Sie zivilgesellschaftliches Engagement in dieser Transformation?
Wie erwähnt wird das Problem nur politisch gelöst werden können. Dafür braucht es nicht unbedingt Mehrheiten, aber spürbare Bewegungen in der Zivilgesellschaft. Unsere freiheitlich-demokratische Gesellschaftsordnung bietet dafür eigentlich gute Voraussetzungen und zivilgesellschaftliche Akteur*innen sind dabei zentral.
Gleichzeitig ist zu befürchten, dass mit den Auswirkungen der Klimakrise auch autoritäre Strömungen stärker werden. Diesen zu widerstehen und solidarisch statt egoistisch zu handeln, wird eine Aufgabe für unsere Generation sein.
Auch beim Umgang mit Klimawandelfolgen, also zum Beispiel Extremwetterereignissen, hoffe ich auf solidarisches Handeln in Gemeinden und Nachbarschaften.
In den Workshops und im „Markt der Möglichkeiten“ ging es auch um Vernetzung: Was braucht es, damit aus Wissen tatsächlich gemeinsames, dauerhaftes Handeln wird?
Eine Gruppe Gleichgesinnter hilft dabei, nicht an der Größe der Aufgabe zu verzweifeln. Projekte vor Ort, bei denen Erfolge schneller sichtbar sind als auf bundespolitischer oder globaler Ebene, können zeigen, dass Einzelne etwas bewegen können.
Und in der Gemeinschaft ist auch Raum für Utopien. Denn eines ist klar: Wer sich fürs Klima engagiert, arbeitet für eine bessere Zukunft.