Ausgangspunkt und Perspektive des Abends war Sara Klatts Roman „Das Land, das ich dir zeigen will“. Als Studentin und Fotojournalistin hat sie immer wieder längere Zeit im Land ihres Großvaters, Israel, verbracht, sich in Milieus bewegt, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und Menschen getroffen, die sich auf den ersten Blick widersprüchlicher kaum geben könnten. Die Protagonist*innen des Romans sind verwirrend gleichzeitig sowohl Angehörige einer Religionsgemeinschaft (oder nicht), einer Ethnie, Staatsangehörige (oder nicht), haben Berufe, politische Einstellungen, Erst-, Zweit-, Drittsprachen, Haustiere, Meinungen – nur in einem sind sie sich einig: Israel habe die Erdnussflips erfunden. Dort heißen sie Bamba, und die gebe es nur hier. Die Lesepassagen, die die Autorin mitgebracht hat, geben die Anknüpfungspunkte für das Gespräch. Rabbiner Dr. Gábor Lengyel, der den Blick einer anderen Generation zu den gleichen Fragen und Themen vermittelt, wechselt dabei mühelos zwischen Anekdote, Kommentar und scharfer politischer Beobachtung und ergänzt damit die Lesepassagen.
Moderator Feridun Öztoprak hat keine Mühe, die Gäste ins Gespräch zu bringen, die eine lange Geschichte verbindet: Sara Klatts Großvater war Lehrer Gábor Lengyels in Jerusalem, als dieser an der Fachhochschule Feinmechanik studierte. Dieser Lehrer sei letztendlich dafür verantwortlich gewesen, dass Lengyel 1965 zum Studium nach Deutschland, ins Land der Täter, gekommen sei. Wenn er an seine Zeit in Jerusalem zurückdenke, erzählt er, fühlt er sich an vieles erinnert, das Klatt in ihrem Buch über Israel beschreibt. Als Student habe er in einer WG mit einem aschkenasischen orthodoxen Juden und einem marokkanischen Juden gelebt. Auf Nachfrage der Autorin, ob jeder seine eigene Sprache gesprochen habe, sagt er: „Das wäre Babel, das wollten wir vermeiden, wir sprachen Ivrit.“ Beide Gesprächsgäste haben ihre persönliche Perspektive auf Israel; haben beide die Verwirrung, die Gleichzeitigkeit und die Komplexität erlebt, die dort allgegenwärtig sind, früher und heute.
Zentrales Element sowohl im Roman als auch im Israel der Gegenwart sei der Streit. „Die Welt außerhalb Israels sieht in Jerusalem nur Juden und Araber miteinander streiten. Die Welt hat keine Ahnung, wer sich in Jerusalem alles streitet“, schreibt Klatt. „Streit“ sei, so ergänzt Lengyel, „im Judentum fast wichtiger als Gebet“. Zwei, die sich im Roman nicht streiten, sind der jüdische Israeli, ein Siedler namens Rafi, und der palästinensische Beduine Abdallah. Sie sind Freunde, und weil sie in ihrer Heimat, der Wüste, von einem Zaun getrennt sind, treffen sie sich in einer Bar in Jerusalem, Abdallah bringt Brathähnchen mit. Wenn er zu Hause sein Land bestellt, das militärisch von der Siedlung abgegrenzt ist, ruft er den israelischen Soldaten, die am Zaun Wache stehen, zu: „Schalom, heiß heute, nicht? Bei euch auch?“ – „Schalom, ja, sehr heiß, hier auch.“ Manchmal könne man verwirrt sein, wer mit wem im Krieg ist, schreibt Klatt. Die Person, die der Figur des Abdallah als Vorbild gedient habe, habe viele Freunde unter den Siedlern gehabt, erläutert die Autorin. Er suche sich selbst die Leute aus, die er ablehne. Im Roman „treffen Menschen aufeinander, keine Gruppenzugehörigkeiten“, fasst Feridun Öztoprak zusammen.
Ob die Erinnerung auch instrumentalisiert werden würde, ist eine der Fragen des Abends. Klatt hat ihr Buch vor dem 7. Oktober 2023 geschrieben, und ihr sei es wichtig, die politische Rahmenhandlung um ihre Geschichten herum zu erzählen. Inzwischen sei jeder Raum politisiert, der Nahostkonflikt werde hier an der Universität, in der Kunst und allerorten diskutiert. Dabei fehle ihr, dass viele von denjenigen, die mitreden wollen, sich ausreichendes Wissen zum Thema aneigneten. Lengyel führt aus, dass Erinnerung für ihn nur sinnvolle Wirkung entfalten könne, wenn man aus ihr Lehren für heute, die Gegenwart, ziehe.