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Moderatorin Keller, Nicole Selmer, Thomas Kaufmann (c) Momen Mostafa
Martina Keller, Nicole Selmer, Thomas Kaufmann, Dirk Tietenberg, Philipp Noblet Winkler (c) Momen Mostafa
Vortrag von Prof. Kaufmann (c) Momen Mostafa
Martina Keller, Nicole Selmer, Thomas Kaufmann (c) Momen Mostafa

Ohne Rivalen ist es langweilig

Zwei Tage vor dem Niedersachsenderby hat die Katholische Akademie des Bistums Hildesheim in Hannover mit der Podiumsdiskussion „Glaubenskriege – Die gefeierte Feindschaft zwischen Eintracht Braunschweig und Hannover 96“ einen Nerv getroffen. Im Tagungshaus der Akademie diskutierten Expertinnen und Experten darüber, warum es bei dieser Rivalität um mehr geht als um Fußball. 

Moderiert von der Journalistin Martina Keller (Hamburg) beleuchteten Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann, die Fußballjournalistin Nicole Selmer, der Schriftsteller Philipp Noblet Winkler und Sportredakteur Dirk Tietenberg historische Hintergründe, Fankultur und religiöse Anklänge der Feindschaft. Schnell wurde deutlich, dass sich im Derby jahrzehntelange Geschichten von Auf- und Abstiegen, Stadtstolz sowie Abgrenzung und Überlegenheit bündeln. Dabei rückten die Parallelen zu Glaubenskonflikten in den Blick: eigene „Wahrheiten“, feste Rituale, klare Feindbilder – und die Gefahr, dass aus Leidenschaft Fanatismus werden kann. 

Gleichzeitig wurde im Gespräch die kreative und verbindende Kraft der Fankulturen sichtbar, von Choreografien bis zu solidarischen Aktionen jenseits des Spieltags. So wurde kontrovers diskutiert, wie weit Provokation gehen darf, wann Sprache und Bilder entmenschlichend werden. Philipp Noblet Winkler gab einen Einblick in die Hooligan-Szene, in der der Konflikt gewaltsam abseits des Spielfelds ausgetragen wird. Gleichzeitig verwundern dabei die Absprachen zwischen den Gruppen: Es werde telefoniert, man erschiene mit gleicher Stärke am verabredeten Tag und es gebe einen Kodex, der eingehalten werde.

Dirk Tietenberg brachte einen zentralen Wunsch vieler Fußballbegeisterter auf den Punkt: Man wolle die Rivalität so ausleben, wie wir sie uns wünschten – im Stadion. Damit knüpfte er an die Frage an, wie ein leidenschaftliches, lautstarkes, aber nicht zerstörerisches Derby aussehen kann. Aktuell finde die Auseinandersetzung weniger zwischen den Fangruppen statt, sondern wende sich gegen Politik, Polizei und Profitstreben der Liga.

Nicole Selmer wies daraufhin, dass die Rivalität zwischen nahen beieinander liegenden Städten auch aus einem Wunsch der Abgrenzung kommt. Wer beispielweise aus Süddeutschland schaut, sehe vielleicht kaum Unterschiede zwischen zwei mittelgroßen niedersächsischen Städten, aber könne natürlich falscher nicht liegen – deshalb sei die Abgrenzung durch Fußballfantum identitätsstiftend. Wenn aber die Identifikation mit der Idee des Fußballs – oder der Religion – wichtiger wird als das (sportliche) Ereignis, bestehe die Gefahr des Fanatismus, so Kaufmann. 

Die Gegnerschaft zwischen Hannover 96 und Eintracht Braunschweig wird zelebriert, und dafür braucht es das Gegenüber. Bei allen Schmähungen ist deshalb klar: Ohne den anderen würde etwas fehlen. Prof. Kaufmann brachte es auf den Punkt: „Die Fußballwelt hat etwas Zyklisches; damit dieser Kreislauf funktioniert, muss es den anderen geben.“ Oder, wie es der „Nachkriegsphilosoph“ (Kaufmann) Sepp Herberger sagte: „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.“ Der Bekenntnisfall tritt wohl spätesten ein, wenn dem verfeindeten Verein die Pleite droht. Tietenberg stellte in den Raum, ob es dann Spendenaktionen zur Rettung des Feindes geben würde. Für Moderation Martina Keller, glühender Fan von Borussia Dortmund, ist klar: den Schalkern gibt sie nix. 

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