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Verständigung braucht Haltung

„Es ist ein Kreuz mit der Religion, mit der christlichen Religion“, sagt Monika Grütters. Zeige sie Präsenz im öffentlichen Leben, werde mitunter Weltoffenheit und Toleranz als gefährdet angesehen; verschwinde sie dagegen, ertöne das Klagelied vom Untergang des Abendlandes. Sie veranschaulichte das an zwei Beispielen – das Hamburger Theaterstück „Unterwerfung“ mit einem „abwesenden Kreuz“ als Bühnenbild und die Kontroverse um das Kreuz auf der Kuppel des Humboldt Forums – und deutete beide als Ausdruck einer problematischen Grundhaltung. Beide Fälle seien paradigmatisch für eine „an kulturelle Selbstverleugnung grenzende Haltung“, die in der Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe des Christentums häufig zu beobachten sei. Diese Haltung erkläre jede Rückbindung an das Eigene zum Anachronismus und glaube, damit der Toleranz einen Dienst zu erweisen. Grütters sagte jedoch, sie stärke stattdessen „jene Kräfte, die sie zu bekämpfen versucht“, nämlich religiöse Fundamentalisten und Fanatiker, aber auch Populisten und Nationalisten, denen gerade nicht an Toleranz und Verständigung gelegen sei. Demokratie lebe demgegenüber nicht von Selbstverleugnung, sondern von Diskurs, Auseinandersetzung und aktiver Verständigung auf gemeinsame Werte. Nur eine Gesellschaft, die sich ihrer eigenen Identität bewusst sei und sie pflege, könne dem Anderen Raum geben, ohne sich bedroht zu fühlen. 

Das Christentum, so Grütters, sei de facto eine starke Kraft in der Demokratie, schaffe kulturelle Identität weit über den Kreis ihrer Mitglieder hinaus. Gleichwohl scheue man das öffentliche Bekenntnis zu den christlichen Wurzeln der Gesellschaft. Grütters verwies auf Befunde des Instituts für Demoskopie in Allensbach, wonach das Christentum in den vergangenen Jahrzehnten mehr und mehr aus dem Leben der Deutschen verschwunden sei – und dies sei keineswegs der Einwanderung geschuldet, sondern dem Umstand, dass vermehrt Christen ihrem Glauben weniger Bedeutung beimessen würden. Das Verschwinden des Christentums liege an den Christen selbst, nicht an der Zuwanderung, denn diese verlören zunehmend die Bindung an ihre Religion.

Vielmehr könne der christliche Glaube von Politikerinnen und Politikern als Ressource genutzt werden: Als Leitbild christlich motivierter Politik diene die Achtung der Menschenwürde. Zugleich könne die Religion Grundlage für gesundes moralisches Empfinden bei den Verantwortlichen sein und eine Haltung der Barmherzigkeit hervorbringen. Grütters verwies dabei ausdrücklich auf Merkels Flüchtlingspolitik 2015, die christliche Werte wie Barmherzigkeit zum Leitbild gemacht habe. Auch ihren eigenen Abstimmungen im Bundestag legte die ehemalige Abgeordnete ihre christliche Haltung zugrunde; beispielsweise, als sie für die „Ehe für alle“ stimmte. Es sei ihr wichtig gewesen, auf das Verbindende der Paare zu schauen, nämlich den Wunsch, Verantwortung füreinander zu tragen und ein sichtbares Zeichen ihrer Liebe zu setzen, unterstrich das langjährige ZdK-Mitglied.

Grütters betonte ferner in ihrem Vortrag die Gemeinsamkeiten von Kiche und Kunst. Beide suchten nach Antworten auf letzte Fragen, nötigten zuweilen zum Perspektivwechsel und gäben Orientierung. Sie sehe auch eine religiöse Grundierung in der Kunst, die zu verstehen versuche, was den Menschen ausmache. 

Grütters plädierte dafür, Religion und Glaube nicht in die Abgeschiedenheit des rein Privaten zu verdrängen, sondern den Mut zu haben, sich auch gegenüber anderen Weltanschauungen selbstbewusst zu bekennen. Dialogfähigkeit erfordere nicht Standpunktlosigkeit; im Gegenteil: Verständigung brauche Haltung. Deshalb müsse man den Streit um das Kreuz nicht scheuen: „Eine streitfreudige Demokratie verträgt eben jede Menge Religion.“

Der Vortrag „Wieviel Religion verträgt die Demokratie?“ von Staatsministerin a. D. Monika Grütters fand am 25. August 2026 als Kooperation der Pfarrgemeinde St. Oliver, Laatzen und Männergemeinschaft St. Oliver und der Katholischen Akademie des Bistums Hildesheim statt.